Die barinistische Gesellschaft

Das Leben in der Gesellschaft der barinistischen Volksrepublik ist maßgeblich geprägt von der ungleichen Versorgungslage: Während rund um die Produktionsstätten und Bunker das Leben floriert und die Geburtenrate explodiert, ist es in den entlegenen Stützpunkten ein zäher, von Entbehrung geprägter Kampf gegen den immer fortwährenden Mangel. Obwohl die Barinistische Ideologie eine klassenlose Gesellschaft vorsieht, die allen Bürgern dieselben Möglichkeiten einräumt, sind in der Realität die individuellen Lebensumstände für den eigenen Wohlstand entscheidend.

Barins Ziel ist es, dies zu ändern. Deshalb finden besonders die Ödlandsiedlungen und Grenzgebiete in seinem Zwei-Punkte-Plan Zuwendung. Hierzu bedarf es jedoch zunächst einer gut funktionierenden Logistik. Und von dieser ist die derzeitige Realität mehr als entfernt.

Die Bunker – Triebwerke des Barinismus

Sie waren der Ausgangspunkt der gesamten heutigen barinistischen Gesellschaft und stellen noch immer deren pulsierende Herzstücke dar. Hier blühen Forschung, Industrie und auch Produktion in unterirdischen Laboren und Fertigungsanlagen. Aus den Führungsebenen heraus wird die gesamte Umgebung samt ihrer Logistik gelenkt und verwaltet.

Hier unten geht das Leben nach den alten Plänen. Die Führung ist strikt, alles ist geregelt: Wann der Bewohner geweckt wird, wann und was er isst, wann er zur Arbeit geht und welchem Beruf er nachgeht, wann er Freizeit hat, welche Unterhaltungsangebote er wahrnimmt, wann er schläft. Die Zahl der Geburten wird kontrolliert, Kinder von frühstem Alter an in barinistischen Bildungsanlagen geprägt und geschult: Da ist die Frühförderung, der Kindergarten, die Volksschule, die Berufs- und die Oberschule. Die späteren Berufe werden je nach Bedarf der Gesellschaft auf Empfehlung des Lehrpersonals durch die Bunkerverwaltung zugeteilt.

Nach barinistischem Ideal hat der Bunkerbewohner kein Recht auf Selbstbestimmung. Er lebt für die Gesellschaft und bekommt seinen Lebenszweck darin eisern zugewiesen. Regimekritiker sind in diesem ausgefeilten Bildungssystem selten und werden zuverlässig aussortiert.

Da die Bunker jedoch überfüllt und am Ende ihrer Kapazitäten sind, werden aus jeder Sparte die fähigsten Arbeiter bestimmt und mitsamt ihrer Familien zwangsweise an die Oberfläche versetzt, um die Wirtschaft dort voranzutreiben und die barinistische Überzeugung der Oberflächenbewohner zu festigen. (Dieses System hatte nach seiner Einführung eine regelrechte Leistungsdepression zur Folge, da Bunkerbewohner infolgedessen leidlich vorsichtig damit wurden, sich positiv hervorzutun.)

Weiterhin soll in der Jugend über eine verpflichtende Pioniersbewegung Begeisterung für die Oberfläche geweckt werden. Verkleidet als spannende Abenteuer werden Fahrten an die Oberfläche unternommen und wesentliches Wissen über das Überleben an selbiger vermittelt.

Die Slums – der blühende Moloch

Im Orbit der Bunker haben sich völlig überbevölkerte Ringe gebildet, die sich von der funktionierenden Logistik und guten Versorgungslage der Bunker nähren. Hier drängen sich ärmliche Hütten aus Ödlandschrott und Abfall so dicht aneinander, dass das Netzwerk aus Gassen dazwischen so düster und undurchdringlich ist, dass nicht einmal die überwachende KFB sie kontrollieren kann. Es ist ein Moloch, der den unterschiedlichsten Metiers, Herkünften und Gesinnungen Nährboden gewährt.

Die Gesellschaft der Slums rund um die Bunkereingänge ist verarmt und verroht. Die staatliche Einwohnerüberwachung, die Geburtenkontrolle, die Ausbildungsinstitutionen greifen hier nicht. Obwohl jedem Kind ein Platz in den Betreuungs- und Schulanlagen der Bunker zugesprochen wird, kann niemand kontrollieren, ob dieses Angebot auch wahrgenommen wird. Die Jugend ist völlig ungelenkt. Schwarzmarkt und Kriminalität florieren, die Überwachung durch die KFB ist geprägt von Korruption und harter Gewalt.

Obwohl das Chaos der Slums regimefeindlichen Organisationen besten Unterschlupf gewährt, ist der überwiegende Teil der Gesellschaft von der Ideologie der Bunker absolut überzeugt. Schließlich stellen die Bunker ein feistes, großartiges Mekka dar, das die Existenz sichert.

Mit Stacheldraht und Überwachungstürmen hat man versucht, die Slums an ihrer weiteren Ausbreitung zu hindern – jedoch leidlich erfolglos.

Die Siedlungen – einfaches Leben im Nirgendwo

Fernab der Bunker, im ständigen Kampf mit den Widrigkeiten des Ödlands, hat sich eine eigene Mentalität entwickelt. Der Siedler ist zäh und bodenständig. Er arbeitet hart, ist gezeichnet vom harschen Klima und den Entbehrungen des Ödlandes.

Die Siedlungen sind immer Produkte einer Planwirtschaft; ihre Standorte sind zuvor durch die Regierung auf Fruchtbarkeit, Rohstoffvorkommen und Wirtschaftlichkeit überprüft worden. Dadurch geht die gesamte Bevölkerung einer Siedlung meist demselben Beruf nach; sei es Viehzucht, Ackerbau, Bergbau, Raffinerie, Rohstoffförderung – ja, sogar ganze Fabriksiedlungen gibt es. 

Das Herz jeder Siedlung stellt ein barinistisches Verwaltungsgebäude dar. Auch hier werden Bevölkerung, Geburten und die Erträge der Umgebung streng erfasst. Der Großteil der Siedlungsbevölkerung besteht aus Zwangsausgesiedelten und deren Nachkommen. Nichtsdestotrotz zieht die geregelte (wenn auch nur mäßig funktionierende) Logistik auch heimatlose Ödländer an. Der Bürgerstatus ist ein erstrebenswertes und lohnenswertes Gebilde, verspricht er doch ein grundlegendes Auskommen, sowie eine Verwaltung, die gesundheitliche Versorgung, grundlegende Bildung und staatlichen Schutz sicherstellt.

Aufgrund der langen Kommunikationswege zu den übergeordneten zentralen Bunkerverwaltungen ist die Langsamkeit der Siedlungsbehörden allerdings legendär. Das undurchdringliche bürokratische Wirrwarr der Antrags- und Formularskultur macht es nicht unbedingt einfacher, da es für übersichtliche Bunkeranlagen konzipiert ist, nicht für ein Ödland voller unvorhergesehener Ereignisse.
“Mangels eines Formulares für durch Ödlandgewitter verursachte Schäden fürchte ich, dass ich den Wiederaufbau Ihres Daches leider nicht nicht genehmigen kann.”, ist ein in ländlichen Behörden durchaus plausibler Satz.

Der Praporschtschik des Satnik macht eine Durchsage an die Bevölkerung von Kalinsk.
Der Stabstechniker von Kalinsk während einer beinharten Partie Funkschach

Dank den sehr übersichtlichen Ausmaßen der Siedlungen ist die allgemeine Stimmung jedoch familiär – man kennt einander, hat dasselbe zu erdulden. Und so säuft der hier stationierte KFB-Armist mit Arbeiter und Nährmittelproduzent am selben Tisch. Für Kriminalität oder große Gedanken zum Regime hat man eigentlich wenig Hirnschmalz übrig. Man nimmt die Dinge, wie sie kommen. Denker und Intellektuelle sucht man vergeblich. Zwar gibt es Schulgebäude und eine Schulpflicht, doch diese dienen lediglich dazu, den Nachwuchs zu fähigen und von der barinistischen Ideologie überzeugten Arbeitern zu formen, nicht etwa, sie das eigenständige Denken, Philosophieren oder die höheren Künste zu lehren.

Um die Produktion anzukurbeln und den Siedler bei Laune zu halten, werden für jede Kleinigkeit großangelegte Wettbewerbe aufgezogen. Sei es der größte Kürbis, die Ziege mit der höchsten Milchleistung, die höchsten Abbau- und Produktionszahlen – für eigentlich alles gibt es Auszeichnungen. Und da sonst wenig passiert, sind die Wettbewerbe Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens.

Einzig übertroffen werden diese Anlässe von Sportereignissen. Selbstverständlich hat jeder Siedler, der etwas auf sich hält, seinen Lieblingsverein, dessen Ehre er im Zweifel wohl bis in den Tod verteidigen würde. Von Lokomotivu Leningrad, dem ungeschlagenen Meister der ersten Liga, bis zu Sparta Sewastopol – für jeden ist etwas dabei. Aufgrund der mangelhaften Logistik werden Sportturniere jedoch keineswegs von Angesicht zu Angesicht ausgetragen – sondern per Funk. Nimmt es da wunder, dass es sich bei dem unumstößlichen Volkssport Nummer um nichts anderes als Schach handelt?  

Obgleich manche den Bunkerbewohnern ihr behütetes Leben wohl neiden, so fühlt sich der Siedler diesem doch überlegen. Und am Tisch bei Vodka und Akkordeonmusik erzählt man sich Witze über verweichliche Bunkerratten und Gruselgeschichten von den mutierten Bären der düstren, toten Wälder.

Die KFB – Helden im Kampfe für Barin

Das Militär ist in der barinistischen Gesellschaft immer präsent. Der Großteil der Armisten ist an barinistischen Stützpunkten fest stationiert und dient dort sowohl als Gesetzeshüter, als auch der Verteidigung gegen äußerliche Bedrohungen und subversive Elemente aus der Bevölkerung. Zumeist sind es ruhige Dienste – das Ödland der barinistischen Gebiete ist lebensfeindlich genug, als dass sich dort wesentliche Bedrohungen, abgesehen von Klima und Wildtieren, überhaupt entwickeln könnten. Der eigentliche Todfeind der KFB ist die brüchige Logistik – der meist gehasste, aber tagtägliche Einsatz der Armisten besteht in der mühseligen Befreiung festgefahrener Versorgungslaster und stundenlanger Märsche, um Benzin für diese aufzutreiben.

Gegenüber der Bevölkerung gilt der Barinistische Armist als harter Hund und ist gefürchtet. Kraft seines Amtes nämlich liegt es außerhalb seiner Befehle meist in seinem eigenen Ermessen, wie er mit der Bevölkerung verfährt. Und da die Gerichtbarkeit des Militärs über der der Kommunalverwaltungen liegt, mag dem Barinistischen Armisten nicht nur aufgrund seiner Kalashnikov eigentlich niemand ans Bein pinkeln.

Dennoch wird der Soldatenstand in der Gesellschaft hoch respektiert; es gibt in der gesamten barinistischen Volksrepublik wohl kaum ein Gebäude, das kein Rekrutierungsplakat trägt, welches den Ruhm der glorreichen KFB verkündet. Trotzdem entspringt die „freiwillige“ Meldung vieler Armisten oft nicht ganz deren eigenen Willen. Neben regelmäßig angeordneten Truppenaushebungen, bei der simpel eine pro Familie festgelegte Anzahl von Rekruten eingezogen wird, ist es eine beliebte Methode, dem Arbeitslager zu entgehen, sich zum Dienst an der Front bereit zu erklären.

Während im Westen ein glorifizierter und viel besungener Eroberungsfeldzug auf der Suche nach fruchtbarem Boden und wirtschaftlichen Standorten vor sich geht (der in Wahrheit furchtbare Entbehrungen und absolut mangelhafte Versorgung der dortigen Soldaten bedeutet), stellt der Osten die furchtsame und aussichtslose Bastion gegen die Roboti dar.

Wer im Osten gedient hat, ist danach nicht mehr recht zu gebrauchen, heißt es. Die Schrecken, die durch die dortigen Einöden ziehen, mag keiner wirklich benennen. Und auch, wenn es eine wirkliche Strafe ist, vom friedlichen Heimatdienst aus dem barinistischen Versorgungsgebiet hinaus an die Westfront versetzt zu werden, so ist sich doch jeder insgeheim bewusst, dass es ihn mit der Ostfront weitaus schlimmer hätte treffen können.

November 16, 2017
Felice